31. Nacht von Borgholzhausen: Siegerin Jepkorir verbessert Streckenrekord
  Ngolepus lässt Koech abblitzen Kenianischer Doppelerfolg – Deutsche EM-Teilnehmer ohne echte Chance

Kurz nach dem Start führten Jan Fitschen (Nr. 1) und Alexander Lubina vom TV Wattenscheid das Feld noch an. Doch die kenianische Übermacht war zu stark. Mit Nr. 7 der zweitplatzierte Nicholas Koech.
Ein Bericht aus dem Westfalen-Blatt
Von Gunnar Feicht (Texte und Fotos)
und Sören Voss (Fotos)


Charles Ngolepus ließ sich als Sieger feiern: Der Kenianer besiegte seinen "Fluggefährten Koech nach spennendem Duell.

Pium ein Meilenstein auf Weg nach Peking
Handbike: Marathon-Weltrekordlerin Andrea Eskau lässt den Männern keine Chance




Borgholzhausen (WB). Die Lebkuchenstadt Borgholzhausen ein Meilenstein auf dem Weg nach Peking? Aus der Sicht von Andrea Eskau ist das durchaus nicht zu hoch gegriffen: Die schnellste Handbikerin der Welt über die Marathonstrecke hängte beim Zehn-Meilen-Rennen in Pium alle Männer ab und ist offenbar voll im Plan, was die Qualifikation für die Paralympics 2008 angeht.
»Das war eine wichtige Trainingseinheit auf hohem Niveau. Wenn man in einem Rennen mit den Männern startet, muss man voll zur Sache gehen.« Die 35-Jährige Diplom-Psychologin bewies, dass ihr die schwere Strecke mit erheblichem Höhenunterschied bestens liegt und bestimmte von vornherein mit ihrem Teamkollegen Hartmut Goldapp (Bielefeld) das Tempo. Die Endzeit: 33:13 M in für die zehn Meilen. In zwei Wochen will sie bei den Europameisterschaften in Tschechien ihren eindrucksvollen Nimbus verteidigen: »Seit meiner Marathon-Weltbestzeit Ende Oktober in Frankfurt habe ich kein Rennen mehr verloren.« Danach gilt's bei den Weltmeisterschaften in Aigle (Schweiz): »Dort vorne dabei zu sein, wäre schon die halbe Miete für Peking«, freut sich Andrea Eskau auf das Duell mit Hauptkonkurrentin Dorothee Vieth.
Die frühere Triathletin, die aus Apolda in Thüringen stammt, ist seit einem Radunfall 1998 querschnittsgelähmt und hat mit dem Handbike wieder in den absoluten Leistungssport zurückgefunden: »Ich trainiere jeden Tag rund drei Stunden, noch intensiver natürlich in mehreren Trainingslagern. Vonder Uniklinik Freiburg werden wir sportmedizinisch betreut.« Und »nebenbei« bastelt sie noch an ihrer Doktorarbeit.

Laufstarker Schiedsrichter hebt ab
Nacht-Notizen: leichtfüßige Carla Beurskens – Fußball-Fieber ein Problem

Fast so leichtfüßig wie bei ihren drei Triumphen im Elitelauf von 1983 bis 1985: Die Niederländerin Carla Beurskens, damals absolute Weltklasse, kehrte nach 21 Jahren Pause an die Stätte früherer Erfolge zurück. Und beeindruckte im Zehn-Meilen-Volkslauf als zweitschnellste Frau in 1:05:29 Std.. Die mittlerweile 54-Jährige ließ 70 fast ausschließlich jüngere Damen hinter sich. Wenn es die Zeit erlaubt, trainiert sie nach wie vor 85 bis 100 km pro Woche, stellte sich aber Samstag im Ziel dennoch die Frage: »Wie konnte ich bei meinem Streckenrekord 1984 auf diesem schwierigen Kurs fast 13 Minuten schneller laufen?«
Das Leistungsvermögen ist immer noch gut für absolute Spitzenplätze bei Altersklassenmeisterschaften, Carla Beurskens wählt ihre Starts heute aber lieber nach der Attraktivität der Laufstrecken aus. In Pium freute sie sich mit ihrem Mann über die herzliche Aufnahme durch die Familie Remmert, wo sie auch in den 80ern schon untergebracht war. Und das nächste Ziel? »Der Honululu-Marathon, den ich vor Jahren mehrfach gewonnen habe. Dort bin ich zu einem 5-km-Lauf eingeladen, werde vielleicht aber drei Tage später auch noch einmal die klassischen 42 km laufen. Dann aber wirklich zum letzten Mal...«

»Das war mein erstes Rennen auf Inlineskates überhaupt.« Josef Giesen sucht auch mit 44 Jahren noch neue Herausforderungen. Der Leistungssportler aus Herzlake ist contergangeschädigt und trotz dieses Handicaps seit 1994 Biathlet. Eine spezielle Vorrichtung ermöglicht das Zielen und das Abfeuern des Gewehrs. Giesen hat nach drei Medaillen in Salt Lake City bei den Winter-Paralympics in Turin erneut Silber über 7,5 km gewonnen. Der Start in Pium war Teil des Sommertrainings, seit gestern schindet er sich in Oberwiesenthal während eines Trainingslagers auf Rollski und Inlineskates, um im Winter das hohe Niveau zu halten: »In intensiven Phasen komme ich auf bis zu zwölf Trainingseinheiten pro Woche. Die Konkurrenz wird von Jahr zu Jahr härter.«

In dem Fall darf ein Fußball-Schiedsrichter durchaus 'mal den Boden unter den Füßen verlieren: Cetin Sevinc hob zur Belohnung für seine starke Laufleistung noch Samstag Abend im Ravensberger Stadion mit einem Heißluftballon ab und genoss bei bester Sicht den ersten Preis für seinen Sieg beim Referee's Run im Rahmen des Zehn-Meilen-Volkslaufs. Der Verbandsliga-Schiedsrichter aus Dortmund belegte in guten 1:06:54 Std. den 27. Rang der Gesamtwertung und hielt zwei starke Konkurrenten in Schach: Bernd Zantop und Christoph Hanck (1:07:04 und 1:07:13) folgten unmittelbar danach auf den Plätzen 28 und 29. »Wir wollten hier zeigen, dass wir Leistungssportler und keine Hobbyjogger sind«, sagte der Sieger, der ohne Volkslauf-Erfahrung nach Pium kam. Beweis erbracht!

Das »lange Wochenende« mit Fronleichnam kostete die Piumer Großveranstaltung wie erwartet einige Teilnehmer: 230 weniger als im Vorjahr erreichten das Ziel in allen acht Wettbewerben, wobei die Gesamtzahl von 1643 immer noch beachtlich ist. Was negativer auffiel, war das streckenweise dünne Zuschauerspalier an der Strecke, das natürlich auch zu Lasten der Stimmung geht: »Viele Leute haben zur Zeit eben nur Fußball im Kopf«, klagt Friedhelm Boschulte, Vorsitzender des Veranstalters LC Solbad Ravensberg.
Dennoch hat sich aus Boschultes Sicht das Bemühen um deutsche Spitzenläufer wie Jan Fitschen und Susanne Hahn oder regionale Größen wie Elias Sansar ausgezahlt. Dem Feld des Elitelaufs ein noch prägnanteres Gesicht zu geben, ist das Ziel für die Zukunft, denn die Dominanz der Afrikaner wächst sich zum Problem für die Straßenlaufszene aus. Boschulte: »Wenn man sich die Ergebnislisten der Cityläufe anschaut, sieht man auch in Holland oder Frankreich das gleiche Bild – und die En
twicklung wird heiß diskutiert.« Das Patentrezept für mehr Attraktivität kennt bisher keiner.




Foto rechts: 21 Jahre nach ihrem letzten Triumpf in Pium zweitzschnellste Frau im Zehn-Meilen-Lauf; Ex-Weltklasse-Athletin Carla Beurskens.

Borgholzhausen (WB). Bei der 31. Nacht von Borgholzhausen standen drei Asse der absoluten deutschen Spitzenklasse am Start – aber das unerschöpfliche Reservoir der kenianischen Straßenlauf-Spezialisten ist einfach zu stark: Charles Ngolepus und Eunice Jepkorir in der Frauenwertung ließen sich beim Elitelauf über fünf englische Meilen (8,045 km) als Sieger feiern.
Ngolepus lief in 22:56 Min. einen Start-Ziel-Sieg heraus, musste aber hartnäckige Attacken seines Landsmannes Nicholas Koech abwehren, der ihm bis in den Zielkanal dicht auf den Fersen war. Der Schützling des Detmolder Trainers Volker Wagner bestätigte die Top-Form seines Sieges beim Wiener Halbmarathon, den er vor zweieinhalb Monaten mit Streckenrekord von 1:01:07 Std. gegen starke Konkurrenz gewonnen hatte.
Unschlagbar scheint auf deutschen Straßenlaufkursen derzeit Frauen-Siegerin Eunice Jepkorir zu sein: Nach ihren Siegen über 10 km beim Paderborner Osterlauf 2004 und 2005 hatte sie auch in Oelde, Würzburg und Kassel ganz oben auf dem Treppchen gestanden – und verbesserte nun die Piumer Streckenbestzeit von Kathrin Weßel (25:50 aus dem Jahr 2002) deutlich auf 25:27 Min.. »Ich bereite mich jetzt in meiner Heimat auf Bahnwettkämpfe vor„, verabschiedete sich die 23-Jährige vorerst aus Deutschland. Im Gepäck einige Siegerschecks über hierzulande bescheidene Summen, die der Familie in Kenia aber den Grundstock für ein gutes Auskommen bieten.
Hinter Milka Jerotich (Kenia/26:26) lief die beste Deutsche auf Platz 3. Und auch Susanne Hahn (SV Schlau.com Saar 05/26:52) strahlte. Denn für die amtierende Deutsche Crossmeisterin läuft's derzeit perfekt. Im Frühjahr heiratete die 28-Jährige ihren Trainer Frank Hahn (der in Pium 26:50 lief), als Vierte beim Rotterdam-Marathon qualifizierte sie sich in 2:32:32 Std. für die Europameisterschaft, und in der EM-Vorbereitung liegt die angehende »Frau Doktor« im Fach Germanistik ebenfalls voll im Plan: »Auch der Kurs in Göteborg soll mit einigen Anstiegen gespickt sein. Das Rennen heute war ein guter Test, die Zuschauer haben uns toll unterstützt.«
Das fand auch Jan Fitschen, im nahen Osnabrück groß geworden, aber seit Jahren für den TV Wattenscheid am Start: »Ich habe das Rennen sehr genossen, es hat Riesenspaß gemacht.« Der Bahnspezialist, Deutschlands Nr. 1 auf den Strecken von 3000 bis 10000 m, bat fast um Verständnis, dass es am Ende »nur« zum fünften Rang (23:24) gereicht hatte: »Mitten in der Europameisterschafts-Vorbereitung ist man nicht in der Top-Verfassung, um auf der Straße gegen so starke Konkurrenz anzukommen«, sagte der 29-Jährige, der als einer der ganz wenigen deutschen Langstreckler seit Jahren zumindest europäischer Klasse die Stirn bietet. Sein Vereinskollege Alexander Lubina, ebenfalls für die EM in Göteborg qualifiziert, belegte am Ende als zweitbester Deutscher Rang 9 (23:39).
Als schnellster Ostwestfale im Elitelauf rannte Hermannslauf-Sieger Elias Sansar (Eintracht Bielefeld) nur sechs Tage nach seinem Erfolg beim Hitze-Marathon von Minden auf den 12. Rang, gefolgt von Matthias Brand (NSU Brakel/17.), dem Sieger der Isselhorster Nacht, und Oliver Reins (SV Brackwede/19.). Als bester Lokalmatador vom Ausrichter LC Solbad Ravensberg belegte Jörn Strothmann den 20. Rang, nur fünf Plätze dahinter kam sein Klubkamerad Tobias Limberg ins Ziel - 25. unter 254 Männern im Ziel des Nachtlaufs.
Bei den Frauen bestätigte Ilona Pfeiffer (LT Dissen) auf Platz 8 als zweitbeste Deutsche und schnellste Läuferin aus der Region ihre gute Form, gefolgt von Melanie Genrich (DJK Gütersloh/10.) und Stefanie Vergin (Post SV Gütersloh/11.).




»Weltoffen« schon beim Volkslauf
Volkslauf-Atmosphäre im Klockenbrink: Hier sorgte die Nachbarschaft für Stimmung, feuerte die Aktiven sogar mit Namen lautstark an. Über zehn Meilen gewann überlegen ein Lokalmatador, der sein einsames Rennen genießen konnte und hinterher auch den Präsentkorb für den besten Altkreisläufer nach Hause trug: Dirk Strothmann vom LC Solbad distanzierte die Konkurrenz um zweieinhalb Minuten. Diesmal wollte der Top-Duathlet nicht im »Niemandsland« des Elitelaufs hinter den Kenianern herrennen, übernahm statt dessen später wieder die technische Aufsicht der Fußball-Übertragung im Schulzentrum von seinem Bruder Jörn, der über fünf Meilen startete. Die Frauenwertung des Zehn-Meilen-Klassikers gewann Gisela Steinbeck (DJK Gütersloh) mit der besten Siegerzeit über diese Distanz seit vielen Jahren.


Eine Wohltat für die müden Beine: Nicole in den Birken von der Praxis Raulf & Egbert-Wickermann lockert die Muskulatur von Matthias Ucka aus Herne.


16 km können ganz schön lang sein: das Trio Dimitrios Cawrilas, Sören Paason und Thomas Pade (von links) probiert's mit "la Ola"