LEICHTATHLETIK: Ilona Pfeiffers rasanter Weg zur Spitze / Geringer Trainingsumfang
Borgholzhausen
(cwk). An der Sportlerin Ilona Pfeiffer verwundert alles – vom ungewöhnlich steilen
Aufstieg bis zum vergleichsweise bescheidenen Trainingsumfang, der hinter ihren
Erfolgen steht. Vergeblich dürfte man eine deutsche Langstrecklerin suchen, die
kaum zweieinhalb Jahre nach ihrem Wettkampfdebüt den nationalen Marathontitel
gewann. Staunend verfolgten die Experten am 6. Mai das »Wunder von Mainz«.
Vorgestern wurde die Deutsche
Meisterin von der Stadt Borgholzhausen geehrt (siehe auch den Bericht im Lokalteil).
Der LC Solbad Ravensberg, 1996 in Berlin schon durch Steffen Dittmann zu
Marathon-Meisterehren gelangt, hat wieder ein »Juwel« in seinen Reihen. Auch
ein »Talent« darf man die zweifache Mutter noch nennen, steht sie doch mit 31
Jahren erst am Anfang ihrer Karriere – von den aktuellen deutschen Top Ten sind
nur zwei Marathonläuferinnen jünger als sie. Vor der Solbaderin rangiert das
nicht bei der DM gestartete Spitzenquartett Luminita Zaituc, Melanie Kraus,
Susanne Hahn und Claudia Dreher.
Als Zaituc 2002 Vize-Europameisterin wurde, war Ilona Pfeiffer
noch gar nicht läuferisch aktiv. Geboren wurde sie am 4. November 1975 im südlichen
Weißrussland, nahe der Stadt Pinsk und der Grenze zur Ukraine. Ihr Studium absolvierte
sie an der Sportakademie der Hauptstadt Minsk, wo sie zur Sportlehrerin und
Trainerin ausgebildet wurde und zusätzlich eine Prüfung zur Sportmasseurin
ablegte.
„Im Rahmen meiner Ausbildung bin ich zwar auch geschwommen und
gelaufen, aber meine Leistungen waren eher mittelprächtig“, verrät sie. Kaum zu
glauben, dass ihr Lauftalent nicht schon dort auffiel. 1999 kam sie nach Deutschland,
fand in Dissen eine neue Heimat und heiratete. Der Sport spielte zunächst keine
Rolle, bot sich erst später als Ausgleich an. Ihr Mann empfahl ihr den Dissener
Lauftreff, bei dem sie sich gut aufgehoben fühlte. „Beim ersten Mal war ich
nach fünf Kilometern allerdings völlig fertig“, erinnert sie sich. Doch schnell
machte sie Fortschritte.
Im Herbst 2004 dann der erste Wettkampf, für ihr Debüt hatte
sich Ilona Pfeiffer den Meller Volkslauf ausgesucht. Am 17. April 2005 bestritt
sie beim »Karstadt-Ruhr« ihren ersten Marathon, kam nach unscheinbaren 3:31:41
Std. ins Ziel. Niemand ahnte damals, dass man hier die Deutsche Meisterin in
spe gesehen hatte. Schon fünf Monate später ein großer Leistungssprung: Die
Dissenerin wurde mit 3:03:21 Std. Zweite des Bremen-Marathons – das Limit von
drei Stunden rückte in greifbare Nähe. Im Dezember wagte die Aufsteigerin ein
Laufabenteuer der besonderen Art: Sie kam, sah und siegte (in Streckenrekordzeit!)
beim Sondershausener Untertagemarathon in einem stillgelegten Bergwerk.
Im März 2006 folgte beim Steinfurt-Marathon der nächste Sieg,
mit 3:00:47 kratzte Ilona Pfeiffer an den drei Stunden. Die Traumgrenze fiel am
12. Oktober bei der DM in München, wo mit 2:55:12 Std. der 7. Rang heraussprang.
Und die Erfolgsgeschichte ging weiter: Am 17. März hatte die Neu-Solbaderin in
Steinfurt ein Déjà-vu-Erlebnis, als sie ihren Sieg wiederholte und mit 2:50:30
gehobene Ansprüche anmeldete. Nur sieben Wochen später erfüllte sie sich in Mainz
ihren DM-Traum, nachdem ein 10-km-Intermezzo zwischen beiden Marathons einen
neuen Kreisrekord gebracht hatte: Beim Paderborner Osterlauf lieferte sie 34:58
Min. ab – Rang 9 in der aktuellen deutschen Saisonstatistik.
Jetzt wartet ein großes und ehrgeiziges Jahresprogramm, zwei
weitere Marathons inklusive: Im September möchte sie den legendären
Médoc-Weinmarathon bei Bordeaux laufen und im Monat darauf am Baldeneysee
antreten. „Dass mich die Essener Veranstalter gleich nach meinem DM-Sieg eingeladen
haben und mich unbedingt am Start haben wollten, hat mich gefreut“, sagt sie zu
den ersten Früchten ihres neuen Ruhms. Zuerst lockt der Night-Cup an, den sie
erneut gewinnen möchte. Das zweite Rennen der Serie, die Isselhorster
Nacht, findet am Vorabend des Harsewinkel-Triathlons
statt, bei dem sie für das Dissener Zweitbundesligateam unverzichtbar ist.
„Deshalb laufe ich in Isselhorst nur auf Platz und schone mich.“
Man darf bezweifeln, ob die nationale Konkurrenz ihr den
geringen Trainingsaufwand abnimmt. Montags läuft sie 16 km im Gelände,
dienstags steht Schwimmen auf dem Programm, auch das Radfahren für den Triathlon
muss sie noch unterbringen. Eine Woche, in der sie neben dem »Sechzehner« an
drei Tagen je 25 km lief, war die Ausnahme – gewöhnlich bleibt sie von 100
Wochenkilometern viel weiter entfernt. Darüber würde eine Luminita Zaituc nur lachen.
„Wenn Ilona so viel trainieren würde wie die DLV-Asse, liefe sie
ihnen bald davon“, glaubt Bernhard Hippler, den sie ihren persönlichen Trainer
und Manager nennt. Mit Trainingsplänen berät sie auch der mehrfache Altkreisrekordler
Werner Ahlemeyer. Insgesamt aber bereitet sich das Natur- und Bewegungstalent nicht
mit strenger Systematik vor: „Ich laufe eher nach Gefühl“. Wo ihre Grenzen
liegen, weiß noch niemand.
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